DER ZWERG 2018

„Auch kleine Dinge können uns entzücken“, heißt es im ersten Lied des „Italienischen Liederbuchs“ von Hugo Wolf, und klein sind Lieder im Kosmos der Musik nun wirklich, wenn man sie der Symphonik oder gar der Oper gegenüberstellt. Aber was für eine Fülle an Gedanken, Bildern und Emotionen beinhalten die meisten Lieder in den wenigen Minuten ihrer Dauer! Dem Zuhörer, der sich voll und ganz auf sie einlässt, bietet ein Liederabend mit seinen rund zwei Dutzend Miniaturen oft ein ganzes Kaleidoskop von Eindrücken und Gefühlen. Genauso, wie die schnellen Wechsel von atmosphärischen Situationen den Sängern und Pianisten viel abverlangen, ist aber auch der Konsument gefordert, sich beim Zuhören zu konzentrieren. Für mich war es immer unvorstellbar, fünf Stunden lang einer großen Wagner – Oper wirklich aufmerksam vom ersten bis zum letzten Ton zuzuhören. Beim Lied aber rächt es sich sofort, wenn man die Konzentration auf Text und Musik auch nur für Augenblicke verliert; man hat dann bestenfalls ein hübsches Musikstück gehört, das Lied jedoch nicht wirklich erfasst und erlebt. Vielleicht finden deshalb manche Menschen einen Liederabend „schwierig“. 

Aber wie wunderbar wird man durch waches Zuhören belohnt! Diese „Königsklasse des Singens“ (Jonas Kaufmann) lässt einen nicht mehr los, wenn man erst einmal seine intimen Schönheiten für sich entdeckt hat. Das weiß ich aus eigener Erfahrung nur zu gut. 

In diesem Sinne wünsche ich dem Liedfestival „Der Zwerg“ eine weiterhin wachsende aufmerksame Zuhörerschaft und eine blühende Zukunft.
Helmut Deutsch